Modul 2 | Lektion 1: Was ist Schmerz, wie funktioniert Schmerz & warum ist das so?

Schmerz als Schutzmechanismus: Eine neue Perspektive

An erster Stelle möchte ich hier und jetzt mit dir gemeinsam festhalten: Schmerz ist KEIN genauer Maßstab für den Gesundheitszustand deines Körpers. Schmerz ist KEIN Indikator für Verletzungen und physiologische Schäden. Schmerz ist ein Beschützer, dein Lebensretter. Indem er unangenehme Gefühle verursacht, ändert dein Gehirn dein Verhalten – damit du Verletzungen vermeiden kannst oder dein Gewebe heilen kann. Manchmal ist Schmerz nicht hilfreich. Ein Beispiel dafür ist der Phantomschmerz. Du erwartest nicht, dass ein fehlendes Körperteil schmerzt. Aber das tut es und der Schmerz ist sehr real. Wie kann das sein? Schmerz ist ein Warnsignal deines Gehirns, das von glaubwürdigen Beweisen abhängt, um zu sagen, dass dein Körper Schutz braucht. Manchmal ist es zu sehr schützend und überbehütend und du bekommst unnötige Warnsignale. Schmerzforscher verstehen jetzt, dass es viele Möglichkeiten gibt, wie unser Nervensystem unnötige Warnsignale produziert. Nehmen wir zum Beispiel die Konditionierung.

Konditionierung und das Schmerzlernen: Ein berühmtes Beispiel

Denke an Pawlows Hund. Jedes Mal, wenn dem Hund Futter angeboten wurde, läutete Pawlow eine Glocke. Natürlich würde der Hund allein beim Anblick des Futters sabbern. Pawlow wiederholte diesen Vorgang eine ganze Weile. Schließlich wurde der Hund darauf konditioniert, allein auf die Glocke zu sabbern. Konditionierung ist nur eine der Arten, wie dein Körper Schmerz lernt. Und je länger dein Nervensystem Schmerz produziert, desto besser wird es darin. Dein Körper lernt Schmerz, aber wie?

Die Funktionsweise von Schmerz

Schauen wir uns an, wie Schmerz funktioniert: In den Geweben deines Körpers gibt es spezifische Neuronen, die normalerweise nur auf schädliche, gefährliche Reize reagieren – sei es mechanisch, chemisch oder thermisch. Wenn diese “Gefahren-Sensoren” (in der Fachsprache “Nozizeptoren” genannt) aktiviert werden, senden sie ein Warnsignal an dein Rückenmark, das wiederum ein Signal an dein Gehirn senden kann. Dieser Vorgang in diesen Neuronen wird “Nozizeption” genannt und findet in jeder Sekunde deines Lebens statt, stetig und ständig. Auch jetzt in diesem Moment, du kannst da gar nichst dagegen tun. Und das ist auch gut so, vertraue mir. Dein Gehirn bewertet dieses aufgenommene Warnsignal und evaluiert anhand vieler Faktoren, auf die wir später genauer eingehen, welche Reaktion auf dieses spezifische Warnsignal erfolgt. Meistens schützt dich dein Gehirn mit anderen Dingen wie Bewegung. Und manchmal kann es dazu führen, dass dein Gehirn dieses Warnsignal aufnimmt, bewertet und daraufhin  einen Schmerz auslöst. Sobald das Warnsignal das Gehirn erreicht, macht das Gehirn daraus etwas Sinnvolles, basierend auf den eintreffenden Informationen und der bereits gespeicherten Vorerfahrungen aus ähnlichen Situationen mit ähnlicher Spezifik. Wenn es einen Grund gibt zu glauben, das Schutz erforderlich ist, dann erzeugt dein Gehirn Schmerz.

Psychologische Faktoren und Schmerz: Der Einfluss von Gedanken und Erinnerungen

Eine weitere erstaunlichen Entdeckungen ist, dass du Schmerzen ohne jegliche physische Reize haben kannst. Der bloße Gedanken an etwas, die Vorerfahrungen aus früheren schmerzhaften Situationen und Orten können diese Warnsignale aktivieren. Und der Schmerz fühlt sich genau gleich an, als wäre es ein physischer Reiz. ABER an dieser Stelle sollten wir ganz klar festhalten: Schmerz wird durch dein Gehirn gemacht, ist aber nie nur in deinem Kopf. Schmerz ist immer physisch und ist individuell für jeden real!

Gehen wir genauer daruaf ein, wie dein Körper Schmerz lernen kann: Du bemerkst vielleicht, dass sich dein Schmerz ausbreitet oder ohne Vorwarnung auftritt. Dein Körper fühlt sich merkwürdig an und es ist schwer, sich richtig zu bewegen. Dein Schmerz ändert sich schnell mit deiner Gemütsstimmung und kleine oder große Ärgernisse im Alltag können ihn auslösen oder verschlimmern. Alte Verletzungen fangen wieder an weh zu tun. Du bist empfindlicher gegenüber Reizen. Und je länger der Schmerz anhält, desto mehr tritt all das auf. Dein Gehirn wird immer besser darin Schmerzen zu produzieren, je häufiger du dich diesen “Gefährlichen Reizen” aussetzt. Du wirst immer empfindlicher gegenüber diesen Reizen und Schmerz tritt früher, schneller, häufiger und / oder stärker auf.

Veraltete Vorstellungen über Schmerz: Neues Verständnis durch Forschung

Die “alte Denkweise”, wie man Schmerz betrachtet hat ist, dass wenn ein Schmerz empfunden wird, ein Gewebsschaden vorhanden sein muss. Und je schlimmer der Schmerz, desto gravierender musste ergo auch der Gewebsschaden sein. Und wenn kein Gewebsschaden festgestellt werden konnte, dann war der Schmerz nicht real. DAS IST FALSCH, bzw. eben die “alte Betrachtungsweise” von Schmerzen. Durch die Arbeit von Lorimer und seinen Mitstreitern wissen wir jedoch mittlerweile, wie nicht nur akuter Schmerz, sondern auch wie langfristiger, chronischer Schmerz entstehen kann.

Individuelle Bewältigungsstrategien: Umdenken und Neulernen

Schmerz ist eine sehr persönliche Sache. Es gibt keine Lösung, die für alle passt. Und während du wahrscheinlich gut durchdachte Bewältigungsstrategien hast um deinen Alltag einigermaßen zu bewältigen, ist es an der Zeit, einen neuen Ansatz im Umgang mit deinem Schmerz zu finden – einen, der sich darauf konzentriert, dein Schmerzsystem umzulernen. Das könnte bedeuten, dass du dich körperlich testest und mehr bewegst, als du normalerweise würdest. Ehrlich zu sein über deine aktuellen Lebenseinstellungen und -überzeugungen kann auch helfen. Ebenso das stetige Dazulernen und die Erweiterung des Hintergrundwissens zum Thema Schmerz und Training kann dir dabei helfen.

Der Weg zu einem neuen Verständnis: Dieser Online-Kurs

Und dafür bist du nun hier und dieser Online-Kurs hilft dir dabei umzudenken, Dinge neu zu verstehen, dazuzulernen und dein Schmerzsystem “umzuprogrammieren”. Nochmal ein herzliches Willkommen und schön dass du da bist. Let’s go!

(Alle Informationen stammen aus folgender Quelle:  Lorimer Moseley & David Butler: “Schmerzen verstehen”, 3. Auflage, Adelaide, Springer-Verlag GmbH Berlin Heidelberg, 2016)