Modul 2 | Lektion 3: Die Wundheilung – Kann ein Bandscheibenvorfall heilen?

Der Mythos: Bandscheiben können nicht heilen?!

In dieser Lektion möchte ich dir DAS wichtigste Wissen um deine Rückenschmerzen, speziell dem Bandscheibenvorfall, und das Trainingsprogramm geben. Es kursiert viel von Halbwahrheiten bishin zu komplettem Unsinn im Umlauf. Ich höre ganz oft die tollsten Theorien was passiert, wenn man einen Bandscheibenvorfall hat und der MRT-Befund diese Verletzung bestätigt. Eine leider immernoch weit verbreitete Annahme ist, dass ein Bandscheibenvorfall nicht heilen kann. Sehr oft stehen Menschen mit Bandscheibenvorfall vor mir und erzählen mir, dass Bandscheibenvorfälle irreversibel, also nicht rückgängig zu machen sind, bzw. nicht heilbar sind. Diese Annahme erscheint jedoch nicht durchweg schlüssig, da sich andere Gewebestrukturen ebenfalls regenerieren können. Ich werde sogar noch deutlicher. Der Mythos “einmal Bandscheibenvorfall = immer Bandscheibenvorfall” ist schlichtweg veraltet, falsch und spiegelt nicht den aktuellen Stand der Wissenschaft wieder. Es ist einfach unlogisch, da die anderen Gewebsstrukturen im Körper auch Heilungsprozesse durchlaufen können. Wieso also sollte die Bandscheibe eine Ausnahme darstellen?

Egal welche Verletzung, es ist immer der gleiche Ablauf

Wenn du dir einen Zerrung, oder sogar einen Muskelfaserriss zuziehst, dann schonst du den verletzten Bereich und steigerst nach ausreichend Heilungszeit wieder langsam die Belsatung des verletzten Bereichs. Wenn du dich beim Kochen am Messer schneidest, dann stillst du ggf. die Blutung und versuchst bis zur Heilung die Schnittwunde nicht zu belasten, indem du z.B. vorsichtiger zugreifst. Ich wiederhole nochmal ein weiteres Beispiel aus Lektion 1 dieses Themas: Wenn du mit deinem Fuß umgeknickt bist, dann ist der automatische Reflex, den betroffenen Fuß zu schonen, bis du ihn wieder belasten kannst. Vielleicht legst du dir sogar eine Schiene an, um das Sprunggelenk zu unterstützen und du legst den Fuß so oft du kannst hoch, damit der Körper genügend Zeit bekommt, um die Verletzung zu regenerieren. Und nach einiger Zeit beginnst du wieder langsam mit der Belastungssteigerung der verletzten Stelle. Du merkst also, es ist immer wieder der gleiche Ablauf:

  1. Du ziehst dir eine Verletzung zu.
  2. Du schonst den verletzten Bereich.
  3. Dein Körper regeneriert die Verletzung und heilt das Gewebe.
  4. Du startest mit gradueller Belastung, also angepasst, einfach und langsam.
  5. Du bist wieder voll einsatzfähig und startest durch!

Nun nochmal die Frage: Wieso sollte das bei Rückenverletzungen, speziell bei Bandscheibenvorfällen anders sein? Bandscheinvorfälle sind nicht heilbar? Diesen Mythos müssen wir sofort aus deiner Welt schaffen.

Wundheilung nach Bandscheibenvorfall

Lass uns etwas genauer auf den Ablauf der Wundheilungsprozesse werfen. Das ist wichtiges Wissen, um deine Verletzungen zu überwinden und deine Schmerzen zu besiegen. Der 18-Wochen-Reha-Trainingsplan orientiert sich an diesen Pahsen. Bevor du jedoch mit Übungen und Trainingsplänen startest solltest du diese Heilungsphasen verstehen, bzw. welche Heilungsprozesse in deinem Körper ablaufen, um den maximalen Erfolg zu erzielen.

**Phase 1: Entzündungsphase – Tag 0 bis Tag 10**

Direkt nach einer Verletzung wie dem Bandscheibenvorfall beginnt die erste Phase, die Entzündungsphase. Diese Phase dauert in der Regel etwa 10 Tage. Ähnlich wie bei anderen Verletzungen in anderen Körperteilen, z.B. eine Schnittwunde, oder ein umgeknickter Knöchel, tritt zunächst eine Entzündungsreaktion auf. Der pH-Wert in der Wunde ändert sich. Verschiedene Stoffe werden von deinem Körper ausgeschüttet. Das aktiviert die “hauseigene Sicherheitseinrichtung”, dein Immunsystem. Die betroffene Stelle wird rot, schwillt an, und sie fühlt sich wärmer an als die Umgebung. Dies ist ein Zeichen dafür, dass der Körper beginnt, die Verletzung zu reparieren. In dieser Phase kann der Schmerz meist mechanisch beeinflusst werden, ist jedoch anhaltend und kann als dumpfes Pochen wahrgenommen werden. Du kannst dir das so vorstellen wie bei einem Verkehrsunfall. Es wird ein Notruf abgesetzt und folglich kommen je nach Unfall Polizei, Krankenwagen und / oder Feuerwehr (Die Einheiten deines Immunsystems), um den Unfallort zu sichern, aufzuräumen und für den normalen Verkehr wieder aufzulösen. Im Falle des Bandscheibenvorfalls ist der innere Kern einer Bandscheibe extrem entzündungsauslösend und es tritt eine sehr starke Inlammationsreaktion auf. Das kann bedeuten, das unter Umständen starke Schmerzen, starke Erwärmung, starke Rötung und Schwellung in dem Bereich auftreten. Dein Immunsystem bekommt den “Notruf” durch die Veränderungen in deinem Körper und aktiviert seine “Nothelfer”. Diese kommen zum Verletzungsort und beginnen diesen abzusichern und aufzuräumen. All das “Unfallmaterial” wird beseitigt, wie beim Verkehrsunfall, wenn die Unfalltrümmer von der Straße gefegt werden. In der Phase ach einem Bandscheibenvorfall ist es möglich, dass in einer Bandscheibe, die normalerweise nicht von Nerven versorgt wird, Nerven einwachsen. Das gibt deinem Körper die Fähigkeit dich vor Dingen zu warnen, die für die optimale Heilung der Verletzung negative Auswirkungen haben können. Dies geschieht meist durch auftretende Schmerzen in bestimmten Positionen und / oder bei bestimmten Bewegungen. In dieser Phase ist es eine sehr gute Idee, direkte Belastung dieser Struktur zu vermeiden. Dein Körper ist selbst in der Lage den Unfall aufzulösen. Du siehst also, ZU BEGINN ist es also sogar eine gute Sache, wenn du nach einem Bandscheibenvorfall, oder einer anderen Verletzung, eine Entzündungsreaktion hast. Das ist ein ganz normaler und sehr wichtiger Prozess in der Heilung deiner Verletzungen. Mit meinem 18-Wochen-Reha-Trainingsplan den ich dir mit diesem Online-Kurs gebe, nehmen wir darauf Rücksicht und beziehen die aktuelle Wissenschaftsmeinung ein. Es kann also eine gute Idee sein, erst nach abgeschlossener Akutphase, also nach ca. 7 – 10 Tagen mit dem Training zu beginnen.

Solltest du Schmerzmittel nehmen?

Es ist mindestens äußerst fraglich, ob du in dieser Entzündungsphase Schmerzmittel nehmen solltest. Die gängigen Schmerzmittel wirken entzündungshemmend und das würde genau diesen ersten wichtigen Wundheilungsprozess hemmen und sogar oftmals komplett verhindern. Hier liegt das Problem, da du eine Entzündungsreaktion unbedingt durchlaufen musst. Du möchtest, dass dein Immunsystem den “Notruf” erhält und anfängt nach seinem “Ablaufprotokoll für Unfallsicherung” zu arbeiten. Das heißt das die “Unfalltrümmer” entfernt werden sollen und die Wundgebiete gesäubert werden soll. Wenn das Notrufsignal durch entzündungshemmende Schmerzmittel unterbrochen wird, dann kann dein Körper erst gar nicht damit beginnen, deine Verletzung zu heilen. Du verzögerst die wichtigen Wundheilungsprozesse und alles dauert um ein Vielfaches länger.

**Phase 2: Proliferationsphase – Tag 5 bis Tag 21**

In der zweiten Phase, der Proliferationsphase, die in der Regel zwischen dem 5. und 21. Tag nach dem Bandscheibenvorfall liegt, nimmt die Entzündungsreaktion allmählich ab. Der Ruheschmerz lässt nach, die Rötung und Schwellung verschwinden, und der Körper beginnt, kollagenhaltiges Gewebe aufzubauen. Dieses neue Gewebe ist jedoch noch nicht so belastbar wie das ursprüngliche, wodurch mechanische Schmerzen bei bestimmten Bewegungen auftreten können. Stell dir wieder das Beispiel mit der Schnittwunde vor. Wenn die Blutung gestillt wurde, dann bildet sich oderflächlich eine Schorfschicht auf der Wunde. Dieses neugebildete Gewebe ist aber nicht sehr belastbar und bei Überstrapazierung dieses Gewebes kann es zu Schmerzen als Schutzreaktion deines Körpers kommen. Diese Überstrapazierung wollen wir also auch in dieser Phase der Wundheilung vermeiden, da im Falle deines Rückens Schmerzen durch die Mechanismen und Bewegungen auftreten können. Dieses neugebildete Gewebe soll dir lediglich dabei helfen deinen Alltag einigermaßen zu bewältigen, jedoch ohne die Fähigkeit dich voll zu belasten. Die auftretenden Schmerzen dienen immernoch dazu, dich vor Bewegungen und Haltungen zu schützen, die die Wundheilung negativ beeinflussen können. Die beteiligten Nerven in diesem Bereich sind immernoch sehr empfindlich. Unter normalen Umständen haben diese Nerven eine weitaus höhere Reizbarkeitsschwelle, aber durch die Verletzung und Entzündung ist diese stark herabgesetzt. Das heißt sie reagieren viel schneller und intensiver auf Reize, wie Bewegung und Wärme. Das ist auch gut so! Wie gesagt, das ist dein körpereigener Schutz vor zu früher zu hoher Belastung. Vermeide Schmerzen in der Verletzungsrehabilitation! 

**Phase 3: Remodellierungsphase – Tag 21 bis Tag 300 bis 500**

Die dritte Phase der Wundheilung, die Remodellierungsphase, beginnt etwa ab dem 21. Tag und kann bis zu 500 Tage oder sogar länger dauern. Während dieser Phase sind die Strukturen im Wesentlichen so aufgebaut, wie sie sein sollen, aber sie sind noch nicht vollständig belastbar. Daher ist kontrollierte Bewegung und graduelle Belastung notwendig, um die endgültige Funktion und Struktur der betroffenen Bereiche wiederherzustellen. Üblicherweise sollten die Strukturen bis zum Tag 21 etwa 40 bis 50 % ihrer vollen Belastbarkeit erreicht haben, wobei es bis zu zwei Jahre dauern kann, bis sie wieder zu 100 % belastbar sind. Daher ist es ratsam, nicht zu schnell zu viel zu belasten. Starte also dein Trainingsprogramm mit niedriger Intensität und steigere dich nur langsam und stetig mit Bedacht. Es ist wichtig, nicht zu viel auf einmal zu tun, da dies zu einer erneuten Verletzung führen kann. Während dieser Phase können leichte Schmerzen während der Bewegung auftreten, das ist auch in Ordnung, so lange es im Rahmen bleibt. Möglicherweise auftretende Schmerzen sollten normalerweise auf einer Skala von 1 bis 10 bei einer 2 oder 3 liegen. Alle Arten von Bewegung, einschließlich Rotation, Beugung und Streckung, sollten in dieser Phase wieder möglich sein. Es ist jedoch von großer Bedeutung, die Schmerzen zu kontrollieren und möglichst schmerzfrei zu bleiben, ohne sich zu überanstrengen.

Zusammengefasst heißt das…

Jeder Bandscheibenvorfall KANN heilen, genauso wie andere Verletzungen auch. Es ist oftmals eine Frage der optimalen Regeneration in den Wundheilungsphasen. Machst du das Falsche zum falschen Zeitpunkt, dann verzögert und verschlechtert sich die Wundheilung und alles wird länger brauchen und eventuell schmerzhafter sein. Bandscheibenvorfälle können jedoch auch spontan heilen und das ausgetretene Bandscheibenmaterial KANN spontan verschwinden und den Bandscheibenvorfall wieder auflösen. Allein diese Möglichekeit zeigt, BANDSCHEIBENVORFÄLLE KÖNNEN HEILEN!

Hier die Beweise aus der Wissenschaft:

  • Bandscheibenvorfälle können spontan “wieder verschwinden” (1. Teplick et al. 1985; 2. Kaskil et al. 2004);
    • Ergebnis 1. Studie: […] Hier werden 11 Patienten beschrieben, bei denen in der CT-Nachuntersuchung eine eindeutige Rückbildung oder ein Verschwinden eines Bandscheibenvorfalls im Lendenbereich festgestellt wurde. Zwei Patienten mit Bandscheibenvorfall blieben ohne Symptome. Bei den neun Patienten mit Symptomen verschwanden die Symptome, die auf den ursprünglichen Bruch zurückzuführen waren, oder waren in allen Fällen abgeschwächt. […] (Quelle: American Journal of Roentgenology) (*Ins Deutsche übersetzt, da Originaltext auf Englisch)
    • Ergebnis 2. Studie: Die abnehmende Größe des Bandscheibenmaterials, das einen Bandscheibenvorfall erlitten hat, ob „eingedämmt“ oder „hervorstehend“, wurde bereits beschrieben und kann manchmal so vollständig sein, dass Restmaterial kaum noch sichtbar ist. […] (Es) konnten 42 Patienten mit einem lumbalen Bandscheibenvorfall gefunden werden, bei denen zwei MRT-Scans im Abstand von mindestens fünf Wochen durchgeführt wurden. Unter diesen wurde bei 4 Patienten ein vollständig gelöster Bandscheibenvorfall festgestellt. […] Unsere Patienten sind weitere Beispiele für die vollständige Auflösung der großen „hervorstehenden“ Bandscheibe ohne Behandlung; und da gleichzeitig Bandscheibenvorwölbungen auf anderen Ebenen bestehen blieben, geht man davon aus, dass die Auflösung dieser Bandscheiben spontan erfolgt. (Quelle: Georg Thieme Verlag KG) (*Ins Deutsche übersetzt, da Originaltext auf Englisch)
  • “Die spontane Heilung von Bandscheibenvorfällen ist wahrscheinlicher, je größer der Vorfall ist.” (Chiu et al. 2015)
    • Ergebnis: Die Rate der spontanen Regression betrug 96 % bei Bandscheibensequestrierung, 70 % bei Bandscheibenextrusion, 41 % bei Bandscheibenvorwölbung und 13 % bei Bandscheibenvorwölbung. Die Rate der vollständigen Auflösung des Bandscheibenvorfalls betrug 43 % bei sequestrierten Bandscheiben und 15 % bei extrudierten Bandscheiben. Schlussfolgerungen: Es kann zu einer spontanen Rückbildung des Bandscheibengewebes kommen, die sich nach konservativer Behandlung vollständig zurückbilden kann. Bei Patienten mit Bandscheibenextrusion und -sequestrierung (Anm. das sind sehr stark ausgebildete Bandscheibenvorfälle mit großem Austritt von Bandscheibenmaterial, wobei die Hülle der Bandscheibe, der Faserring Schäden aufweißt) war die Wahrscheinlichkeit einer spontanen Regression deutlich höher als bei Patienten mit vorgewölbten oder hervorstehenden Bandscheiben (Anm. das sind Vorstufen eines Bandscheibenvorfalls mit noch intaktem Faserring). Bei der Bandscheibensequestrierung war die Rate der vollständigen Rückbildung deutlich höher als bei der Bandscheibenextrusion. Die Untersuchungen wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten in einem Zeitraum von einem Jahr durchgeführt. (Quelle: National Library of Medicine) (*Ins Deutsche übersetzt, da Originaltext auf Englisch)
  • Meta-Analyse-Studie, die 11 vorherige Kohortenstudien repräsentiert und herausstellt, wie häufig es zu spontaner Resorbtion von Bandscheibenvorfällen in der Bevölkerung kommt. (Ming Zhong et al. 2017)
    • Ergebnis: Bei 66.66% der untersuchten Personen konnte man eine spontane Resorbtion (Rückbildung) von Bandscheibenvorfällen feststellen. (Quelle: National Library of Medicine) (*Ins Deutsche übersetzt, da Originaltext auf Englisch)
  • “Die Größe des Bandscheibenvorfalls lässt keinerlei Rückschlüsse auf Art und Stärke der Symptome zu.” (Karppinen et al. 2001)
    • Ergebnis: Der Grad der Bandscheibenverlagerung in der Magnetresonanztomographie (MRT) korrelierte nicht mit irgendwelchen subjektiven Symptomen, ebenso wenig wie eine Verstärkung der Nervenwurzeln oder eine Nervenkompression. (Quelle: National Library of Medicine) (*Ins Deutsche übersetzt, da Originaltext auf Englisch)

Schlussfolgerung:

Der Körper kann vieles von ganz allein wieder in die richtige Bahn lenken und heilen, sofern er die Chance dazu bekommt in ausreichender Zeit zu rehabilitieren. Der Verlauf und die Heilungschancen nach konservativer Behandlung eines Bandscheibenvorfalls sehen in der Regel sehr gut aus. Die Wissenschaft beweist in vielen veröffentlichten Studien, dass radikuläre Symptome, wie ausstrahlende Schmerzen, und sogar Radikulopathien, wie Taubheit und Muskelfunktionsverlust, nach ca. 6 – 8 Wochen zurückgehen. Festgestellt wurde auch, dass mehr als 90% der Betroffenen nach ca. 6 – 7 Monaten kaum noch, oder sogar gar keine Beschwerden mehr haben. Das soll aber nicht heißen, dass du nur abwarten musst und dann ist alles wieder in Ordnung. Du solltest deinen Körper bei der Rehabilitation von Verletzungen unterstützen und bei der Linderung deiner Schmerzen helfen, indem du dein Schmerzsystem umlernst und mit neuem Input fütterst. Und genau hierbei ist dir dieser Online-Kurs der richtige Ratgeber. Let’s go!


> Zurück zur Lektionsübersicht